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UTOPIE UND WIRKLICHKEIT Ostdeutsche Fotografie 1956 bis 1989
Angesichts der umfangreichen und überraschend vielgestaltigen
Werkbreite der Fotoszene Ostdeutschlands ist es 15 Jahre nach
der Wende lohnend, eine breitgefächerte Auswahl von Fotografien
der DDR-Zeit zu zeigen.
Eine solche Ausstellung gewinnt über das Sujet Fotografie
hinaus an Bedeutung, weil sie der Öffentlichkeit auch allgemeines
Anschauungsmaterial anbietet, sich auch mit anderen wichtigen
Aspekten der DDR Kultur auseinander zu setzen.
Die Aufgeregtheiten unmittelbar nach der Zeit der Wiedervereinigung
sind abgeflacht und es besteht, obwohl an diesem Thema noch mancher
sein politisches Süppchen kocht, die Chance sich unbefangener
mit der Geschichte Ostdeutschlands zu beschäftigen. Es besteht,
soll die DDR Zeit nicht im Bewusstsein der Öffentlichkeit
mit fragwürdigen politischen Folgen verdrängt werden,
ein großer Nachholbedarf an Informationen über diesen
Zeitraum. Dies gilt auch für die öffentliche Kunstdiskussion
und die wissenschaftliche Bearbeitung der Kultur und insbesondere
für deren Stiefkind, die Fotografie.
Der historische Abstand zur DDR ist zwar noch nicht groß genug
um kunst- und geschichtswissenschaftliche Positionen zu diesem
Thema mit ausreichender methodischer Sorgfalt zu erarbeiten.
Da Erinnerungen bekanntermaßen durch ihre eigengesetzliche
Konstruktivität verfälscht werden und auch durch ganz
banale biologische Alterungsprozesse verlöschen, besteht
die Gefahr, dass viele Menschen, welche die DDR Fotografie wesentlich
geprägt haben, für die inhaltliche Befragung dieses
Zeitraums bald nicht mehr zur Verfügung stehen werden.
Darüber hinaus hat der Kunstmarkt in den letzten Jahren
seine Interessen an der Vermarktung dieser Fotografie angemeldet,
sodass auf Grund der Gesetzmäßigkeiten des Handels
nun die übliche Verzerrung von fotografischen Gesamtwerken
zu engramatisch geprägten,
marktgängigen Einzelbildikonen
einsetzen wird.
Es drängt also die Zeit um die Aufmerksamkeit auf diese
Fotografie zu lenken, obwohl eine kunstgeschichtliche Darstellung
mit zuverlässiger methodischer Aufarbeitung eines größeren
historischen Abstands bedürfte. Ob es überhaupt jemals
zu einer repräsentativen Ausstellung der Fotografie der
DDR-Zeit kommen wird, ist angesichts leerer Haushaltskassen und
eines zunehmend oberflächlicher werdenden Kulturbetriebs
gar nicht so sicher. Auch ob eine ausreichend sorgfältige
wissenschaftliche Erarbeitung des Themas überhaupt noch
wird stattfinden können, erscheint auch angesichts einer
veränderten politischen Interessenlage fraglich.
Aus diesen Gründen habe ich Norbert Bunge, der viele ostdeutsche
Fotografen sehr persönlich kennt und in seiner Berliner
Galerie nach 1989 systematisch auch die Fotografie Ostdeutschlands ausstellte,
gebeten, eine Ausstellung zur Fotografie Ostdeutschlands von
1956 bis 1989 für das Kölner Forum für Fotografie zu
kuratieren.
Bei der Auswahl der präsentierten Fotografien bestätigte
es sich, dass in der DDR die Fotografie freier war als die Literatur
und Malerei, da Fotografie von der politischen Führung lediglich
als Abbild der Wirklichkeit und nicht als verschlüsselnde
Kunstform gesehen wurde. (vgl. hierzu auch das in diesem Katalog
veröffentlichte Gespräch mit Ute und Werner Mahler).
So konnten in der Fotografie viele Bilder sehr privater Innenansichten
abseits determinierender politischer Forderungen entstehen. Es
schien deshalb sinnvoll, bei der Auswahl der Fotografien auf
eine pseudowissenschaftliche Präsentation zu verzichten,
hingegen aber den überraschend großen Umfang an Subjektivität
und Emotionalität der Fotografie Ostdeutschlands zur DDR
Zeit im Zeitraum von 1956 bis 1989 aufzuzeigen.
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