Kabilas Befreiungssoldaten haben Zaire erobert. Ein Kämpfer fischt Maschinengewehre aus dem Pool des geflohenen Mobutu-Sohnes. Zaire 1997. © Perry Kretz.
Im Golfkrieg wird die Wüste zur Flammenhölle. Ein saudischer Soldat robbt beim Training durch Stacheldraht. Bei Dhahran 1990. © Perry Kretz.
Perry Kretz bei der Ausstellungseröffnung

Perry Kretz - Reportagefotografie

Eine Ausstellung des Hamburger Magazins stern
zu Gast im Forum für Zeitgenössische Fotografie

Während des Krieges herrscht an Bildern kein Mangel, so scheint es. CNN oder n-tv haben uns rund um die Uhr mit neuesten Berichten versorgt. Doch ist der rundum berieselte Kriegs-Zuschauer heute besser informiert als zu den Zeiten, da die Live-Berichterstattung vom Schlachtfeld noch nicht möglich war? Kommen die Journalisten der Wahrheit heute näher, weil sie nun „embedded“ sind, anstatt auf eigene Faust und unabhängig von den Militärs zu recherchieren? Wissen wir heute schneller mehr über den Irak-Krieg als vergangene Generationen über den Zweiten Weltkrieg oder den Vietnam-Krieg? Und welche Risiken gehen Journalisten ein, um so ehrlich wie möglich zu berichten? Wenige deutsche Journalisten können über diese Frage so authentisch Auskunft geben wie der Fotoreporter Perry Kretz.

Der Deutsch-Amerikaner wurde 1933 in Köln geboren. Als gelernter Schriftsetzer ging er 1950 in die USA. Dort besuchte er das Hunter College und belegte Kurse für Journalismus an der New York University. 1953 trat er in die US-Armee ein und wurde amerikanischer Staatsbürger. In New York arbeitete Perry Kretz für die „New York Post“ und die englische Agentur „Keystone“, kurzzeitig auch als Polizeireporter. 1969 kam er zum stern und machte sich bald einen Namen als Spezialist für brisante Berichterstattung aus Südamerika und den USA. Kretz fotografierte für den stern den ersten Golfkrieg ebenso wie die Bürgerkriege in Liberia, Ruanda und der heutigen Republik Kongo. In diesen Tagen wird er aus dem Irak zurückkehren, wo er als „eingebetteter Reporter“ unmittelbarer Augenzeuge der Kriegshandlungen wurde.

Das Werk dieses mutigen und engagierten Fotoreporters zeigt die retrospektiv angelegte stern-Ausstellung im Forum für Zeitgenössische Fotografie. Herausgelöst aus dem redaktionellen Kontext des Magazins entfalten die einzelnen Aufnahmen ihr informatives Potenzial und veranschaulichen zugleich die visuelle Gestaltungskraft des Fotografen. Die Ausstellung versteht sich nicht nur als Bilder-Schau, sondern auch als Beitrag zur aktuellen kritischen Diskussion über den Wahrheitsgehalt und die Ethik von Bildberichten aus Kriegs- und Krisengebieten.

Die Arbeit von Perry Kretz wurde zwei mal mit einem World Press-Photo-Preis ausgezeichnet. Zu seinen großen Reportagen zählen u.a. „Die Hölle von St. Quentin“, „Der Krieg der Sierra Madre“ und „Die kleinen Banditen von Bogotà“. Für die „New York Street Gangs“ erhielt er den 3. Preis von World Press. Seine Dokumentation über den Krieg in Nicaragua wurde in dem Bildband „Barfuss zum Sieg“ veröffentlicht.

 


 

Perry Kretz bei der Ausstellungseröffnung
Die retrospektiv angelegte Ausstellung „Perry Kretz – Reportagefotografie“ im Forum für Zeitgenössische Fotografie verstand sich nicht nur als Bilder-Schau, sondern auch als Beitrag zur aktuellen kritischen Diskussion über den Wahrheitsgehalt und die Ethik von Bildberichten aus Kriegs- und Krisengebieten. Im Rahmen der Ausstellung lud das Forum für Zeit-genössische Fotografie zu folgenden Vortragsabenden ein:

Mittwoch, 11. Juni 2003,
19 Uhr

„James Nachtwey in Baghdad“
Vortrag von Otto Karl Werckmeister

Abstract: In der heutigen Kriegsfotografie sind Bildbericht und Stellungnahme weit auseinander getreten, ja polarisiert. Sie verhalten sich zueinander wie Be-hauptung und Kritik. Ich werde das an dem Fotografen James Nachtwey zu erläu-tern versuchen, der zwischen 1986 und 2001 der Magnum-Agentur angehörte, bis er schließlich das öffentliche Prestige des “größten Kriegsfotografen unserer Zeit” errang. Frank Capa, Mitbegründer der Magnum-Agentur, war der erste Träger ei-nes solchen Ehrentitels. An der historischen Distanz zwischen Nachtwey und Capa lässt sich ermessen, was sich in der Zwischenzeit geändert hat.

Otto Karl Werckmeister (1934) lebt nach langjähriger Lehrtätigkeit an der Uni-versity of California in Los Angeles und an der Northwestern University in Evans-ton, Illinois, seit 2001 wieder in Berlin. Letztes Buch: Linke Ikonen, München, 1997. In Vorbereitung: Der Medusa-Effekt: Bildstrategien seit dem 11. Septem-ber und The Political Confrontation of the Arts: From the Great Depression to the Second World War.

Montag, 16. Juni 2003,
19 Uhr

„Rasterpunkte bluten nicht“ - oder das neue Bild des Krieges.
Vortrag von Markus Lohoff

Abstract: Die Bildberichterstattung über den Zweiten Persischen Golfkrieg zeichnete sich durch interessengeleitete Inszenierung und wirkungsorientierte Medien-gestaltung aus. Dabei waren es weniger Aufnahmen, die durch Stromlinien- und
Werbeästhetik das Bild eines sauberen Krieges in den Köpfen der Zuschauer etablierten, sondern die Raketen- und Cockpitbilder alliierter Kampfflieger, die Luftangriffe auf irakische Einrichtungen dokumentieren. Mit diesen technischen Bildern des Krieges trat ein Stereotyp in Erscheinung, der weitgehend unmodifiziert bis heute Bestand hat: das Bild eines mit höchster Präzision geführten High-Tech-Krieges in dem menschliches Leiden keine Rolle zu spielen scheint.

Markus Lohoff (1968) Studium der Kunstgeschichte, Komparatistik, Deutschen Philologie und Neueren Deutschen Literaturgeschichte an der RWTH Aachen, 2000-2001 Graduiertenstipendium des Landes NRW zur Förderung der Promotion. 2001 Lehrbeauftragter am Institut für Kunstgeschichte der RWTH Aachen, 2001-2002 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kunstgeschichte der RWTH Aachen, seit 2002 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kunstwissen-schaft der Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz. Forschungsgebiet: Äs-thetische Dimensionen wissenschaftlicher Bilder.

„The Unreliable Witness“ – Aktuelle Positionen künstlerischer Fotografie zum Krieg
Vortrag von Agnes Matthias

Abstract: In der zeitgenössischen künstlerischen Fotografie sind Strategien der Fiktionalisierung eines Mediums in den Vordergrund gerückt, das im Alltags-gebrauch als Instrument der Wirklichkeitsaufzeichnung rezipiert wird. Der Ge-genstandsbereich Krieg eignet sich in besonderer Weise dazu, Fotografie als ein Instrument der Erzeugung von Faktizität zu untersuchen, weil sich die Wirklichkeit von Krieg vielfach als medial vermitteltes Geschehen aus Presse- und Fernsehbil-dern konstituiert. Von Künstlerinnen und Künstlern wie Willie Doherty, Sophie Ristelhueber oder Paul M. Smith wird Fotografie zur kritischen Reflexion eben die-ses Prozesses eingesetzt. In ihren Werken beginnt das Medium zwischen den Po-len von Dokument und Nicht-Dokument zu oszillieren, ein interpretatives Feld er-öffnend, innerhalb dessen die Betrachter den Status des fotografischen Bildes neu aushandeln müssen.


Agnes Matthias (1973), Studium der Kunstgeschichte und Empirischen Kultur-wissenschaft in Tübingen; Wissenschaftliche Angestellte im Sonderforschungsbe-reich 437: „Kriegserfahrungen – Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit“, Universi-tät Tübingen; kunstgeschichtliche Dissertation zum Thema „Fotografie und Krieg. Visualisierungsstrategien in der künstlerischen Fotografie der Gegenwart“.